Eine sehr lustige und einprägsame Situation ist mir vor wenigen Wochen in einem Führungskräftetraining eines großen europäischen Finanzdienstleisters passiert. Wir waren eine etwas männerlastige, aber altersmäßig bunt durchgemischte Gruppe. Ich mit 50 die älteste (daran hab ich mich schon gewöhnt…) und die jüngste Führungskraft Anfang 30. Beim Thema verteilte Teams und wie wir hier die Beziehungen gut aufrecht erhalten können, sprachen wir auch über Homeoffice. Da meinte einer der Teilnehmenden: “Meine Frau ist das beste Beispiel dafür, dass das überhaupt nicht funktioniert – weil die macht Homeoffice und macht alles andere an diesen Tagen, aber nicht arbeiten.” Ich hatte leider nicht die Zeit, um tiefer ins Thema einzusteigen, lenkte aber mit Themen wie Effizienz, verlorene Fahrtzeit und reduzierte Ansteckungsgefahr in der Schnupfenzeit dagegen.

Homeoffice

Da meldete sich unser Jüngster energisch zu Wort – Homeoffice habe doch nichts mit Effizienz zu tun, sondern wäre ja auch dazu da, damit sich die Work-Life-Balance und der Wohlfühlfaktor der Mitarbeitenden erhöht. Verdutzte Blicke bei den anderen Teilnehmenden – ich musste schon in mich hineinschmunzeln und verwies auf den 2. Tag, wo wir uns dem Thema Selbst- und Zeitmanagement widmen wollten.

Am nächsten Tag bemühten wir bei besagten Thema den alten Dwight T. Eisenhower und erörterten, was für den einen dringend und für die andere wichtig schien. Ich ließ Diskussionen zu und wir setzten gemeinsam unterschiedliche Aufgaben in verschiedene Kontexte. Ich merkte schon, wie die bereits erwähnte junge Führungskraft unruhig auf seinem Sessel herumrutschte und auch seine Punkte anbringen wollte – bat ihn aber, bis zum Schluss zu warten, weil ich schon so eine Ahnung hatte.

Was ist dir wichtig?

Dann sprach ich ihn mit Namen an und fragte ihn, was denn für ihn wichtig wäre. Er sagte ganz bestimmt, dass alles, was sein Leben und seine Familie betrifft, WICHTIG ist – und alles andere nicht. 2 Kollegen erinnerten ihn tadelnd, dass es jetzt um den Arbeitskontext geht. Er wiederholte sehr ruhig und bewusst den gleichen Satz. Offene Münder und geweitete Augen in der Runde. Er sah mich fragend an und ich stellte mich ganz nah zu ihm und lächelte in die Runde. Dann sagte ich: Darf ich vorstellen? GenY! 

Es ist genau diese Haltung mit der die arrivierten Führungskräfte in ihren Teams zu kämpfen haben – es sind genau diese Unterschiede in unserer Wertehaltung, die täglich wieder Offenheit und Wertschätzung dem Anderen oder dem Unbekannten gegenüber einfordern. Es war ein so herrliches und lebendiges Beispiel! Ich möchte abschließend erwähnen, dass besagte junge Führungskraft eine hohe Arbeitsleistung bringt und sich viel Gedanken um seine Wirkung und Verantwortung macht. Nur – dass das auch ausgesprochen ist 😉