Meine Rolle als Lernermöglicherin

Von der Lehrenden zur Lernermöglicherin – eine Retrospektive

Mein Rollenbild als Trainerin hat sich in den letzten 17 Jahren meiner Selbstständigkeit stark gewandelt. So war es für mich vor 15 Jahren noch ausreichend, ein schönes Schriftbild zu haben und gescheit über Modelle referieren zu können, meinen Seminarablauf mit Übungen und Gruppenarbeiten anzureichern und meinem freundlichen Wesen zu vertrauen. Zum Glück hat sich das verändert. Nicht mein freundliches Wesen 😉, keine Angst. Ich bin verbindlicher geworden, konkreter, transfer- und lernzielorientierter. Und damit meine Workshops und Seminare.

“Ich bin da wo ich jetzt bin, weil es hier etwas zu lernen gibt für mich.” 
Mit diesem Spruch hatte ich mal ein Flipchart, das ich gerne aufhing, wenn ich der Meinung war, eine*r meiner Teilnehmenden brauchte noch einen liebevollen Schubs, um sich dem Lernprozess hinzugeben. Irgendwann hing es für mich auf, wenn ich Schwierigkeiten mit Situationen hatte. Das inspirierte die Teilnehmenden auf Umwegen genau so und hatte weniger den Charakter des erhobenen Zeigefingers.

Das Berufsbild der Trainerin hat viele Gesichter. Aber immer dann, wenn ich selbst etwas gelernt und mich weiterentwickelt habe, wurde es auch für mich ein besonderer Tag. Zum Glück gab es viele davon und so wurde aus der Frühdreißigerin mit den Kurven und dem Lächeln eine Endvierzigerin mit tiefen Blicken, Ecken und Kanten. Die schleifen sich wieder mit der Zeit ab, aber es entstehen auch neue. Das spüren auch meine Kunden und meine Teilnehmenden. Der Anteil meiner Gesprächszeit im Seminar hat sich bei einigen Themen zum Glück drastisch reduziert. Stattdessen sind die Teilnehmenden mehr am Wort, gibt es mehr Transferübungen, Eigenpräsentationen und Reflexionen. Ich habe viel durch abschauen und imitieren gelernt – ganz so, wie die Kinder lernen. Einer meiner ersten, von dem ich unbewusst lernte war Werner Vogelauer in den vielen Jahren meiner Transaktionsanalyse-Ausbildung. Dann, selbst schon Trainerin hab ich das Handwerk dazu von meinem langjährigen Mentor und Kollegen Wolfgang Paul Eisserer inhaliert. Immer war es die Begeisterung, die Inspiration – und erst später kam das Bewusstsein dazu, warum etwas in dieser oder jener Form erfolgte.Vieles machte ich intuitiv “richtig” – einiges   musste ich mir abgewöhnen, weil es zu irritierend oder verstörend war. Tja, das Verlernen ist auch so eine Sache.

                 (nach Gerald Hüther)

Unangenehme Fragen stellen

Meine eigentliche Arbeit als Trainerin beginnt mit dem Auftragsklärungsgespräch mit meinen Kunden und beim Vorbereiten des Lernsettings. Was sollen die Teilnehmenden nachher wissen und was sollen sie nachher können? Wo können wir die Lernmomente einbauen und ermöglichen? Wo sie selbst draufkommenlassen, welche Lernangebote für sie wichtig sind? Welche Transferprojekte bauen wir wann ein? Das Design legt die „Moments of truth“ fest. Heute bin ich froh, zu wissen, dass ich noch immer nicht am Stein der Weisen angekommen bin und dass immer noch etwas zu schrauben geht an den Seminardesigns. Mit Anfang 30 wusste ich das noch nicht. Da war eher der Glaubenssatz “So macht man das.”  vorherrschend. Aber hier war ich wohl auch noch in der Stufe der unbewussten Inkompetenz, was meine didaktischen Fähigkeiten angeht. Eine Kollegin meinte vor Kurzem erst zu mir: “Sei nicht so streng mit dir – das war damals einfach so – wir waren alle nicht so weit!” Nun denn. Die Grafik ist übrigens von einer meiner Lehrmeisterinnen, Anna Langheiter entlehnt und zeigt sehr schön die unterschiedlichen Trainerinnen-Zugänge.

Wirklich froh bin ich über meine vielen Weiterbildungen, die ich mir in den letzten Jahren gegönnt – oder besser gesagt verordnet – habe. Abgesehen von den spannenden Menschen, die man dabei kennen lernt, sind natürlich die Inhalte immer eine Bereicherung. Die Herausforderung besteht dann darin, das Gehörte und Geübte weiter anzuwenden und in meine Arbeit zu integrieren – also zu erlernen. Es ist eine gute Anregung und ein guter Prüfstein für die Transferwirksamkeit meiner eigenen Seminare – was brauchen meine Teilnehmenden noch, damit sie diese Inhalte auch wirklich anwenden und erlernen können? Wie lange hat es gedauert, den Resilienz-Zirkel von Ella Gabriele Amann endlich in Angeboten auszuformulieren, wann hab ich das erste Mal bewusst eine potenzialfokussierte Fragetechnik nach Dr. Lueger angewendet, bei wie vielen Kunden schon über 64keys gesprochen, aber noch kein Projekt damit gemacht…

Es braucht alles seine Zeit.

Ja, es braucht auch Zeit, sich selbst die Kompetenz zuzugestehen, eine neue Methode, ein Thema oder ein Medium – wie bei mir seit heuer zB das Video – anzuwenden. So geht es unseren Teilnehmenden wohl auch mit unseren Inputs und Anregungen zur Verhaltensveränderung – und daraus lerne ich wieder für meine Rolle als Lernermöglicherin – was braucht’s zur Motivation und als Ansporn, das im Seminar geübte dann auch in der Praxis und im Arbeitsalltag anzuwenden und damit wieder die nötigen Erfolgserlebnisse zu generieren, weiterzumachen.

Mehr über Didaktik gibt’s hier.

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