Führungskräfte ohne Führungspostionen

Abseits der vielen Diskussionen rund um Selbstorganisation und um hierarchiefreie Organisationen wird sicher manchen Führungskräften Angst und Bang ums Herz.
In vielen meiner Seminare frage ich gleich zu Beginn meine Teilnehmenden, warum sie so gern Führungskraft sind und da kommen dann Antworten wie “weil ich gerne etwas gestalte” oder “weil es schön ist, etwas mit meinem Team zu erreichen”. Ganz Ehrliche sagen auch gern “weil ich gern das Sagen habe” und vielleicht sogar “weil es geil ist”.

Es gibt Menschen, die führen einfach gern. Die entscheiden selbstverständlich, bestimmen gern die Richtung und lieben es, vorn zu stehen. Genauso wie es viele gibt, die sich das für sich gar nicht vorstellen können und lieber geführt werden. Wir haben aus verschiedensten Modellen gelernt, dass das so ist und dass das so gut ist. Wir brauchen diese Dynamik in unserem Berufsleben, für das Zusammenspiel in den Organisationen, die wir nach hierarchischem System gebildet haben.

Was geht jetzt in so einer Führungs-Seele ab, wenn die Neuordnung in den Organisationen ausgerufen wird? Angst vor Machtverlust, Wegfall von Vergünstigungen und Bonuszahlungen? Das Grauen greift um sich. Eigentlich benötigen diese Führungskräfte etwas wie Trauerarbeit und Loslassen-Training. Ich habe mit Unternehmen gesprochen, die sogar ganze Führungsetagen abgeschafft haben. Nicht aus Kostengründen, sondern aus Überzeugung. Wenn ich da an viele Führungskräfte denke, die ich kenne, sehe ich schon das blanke Entsetzen in deren Augen. Vollkommen klar, dass hier Angriff die beste Verteidigungsstrategie erscheint. „Alles Schwachsinn, das ist sicher wieder nur so ein Trend, das kann nicht klappen, wartet nur, wenn die ersten Probleme auftreten, dann freuen sich alle wieder, wenn jemand da ist, der das Sagen hat, usw…“

Oft sitzen aber zum Glück Menschen mit viel Markt-, Lebens- und Firmenerfahrungen in den Chefetagen der Organisationen. Wenn es keine Sesselkleber sind, dann könnten sie den Mehrwert von kompetenten, selbstentscheidenden MitarbeiterInnen rasch erkennen. Was würde es dafür brauchen? Vielleicht sind Sie für den goldenen Mittelweg durchaus empfänglich? Demokratie ja, Anarchie nein?

Sitzt denn nicht das wahre Wissen der Organisationen auch mitten in den operativen Abteilungen? Wissen über Einsparungsmöglichkeiten, über Produktmängel, über Innovationsmöglichkeiten. Wie könnten wir das am besten zusammentragen? Ja, über Schnittstellen. Können Führungskräfte nicht auch Schnittstellen sein? Ja, nur müssen sie die Eigenschaft des Flaschenhalses loswerden. Und ein Umdenken in Richtung “Ich hab‘ nicht nur deshalb mehr recht, weil ich eine Etage höher sitze als die anderen.” Es braucht einen Paradigmenwechsel. Von Alleinherrschaft zur Allgemeinherrschaft. Genauso gilt aber “von Alleinverantwortung zu Allgemeinverantwortung.”

Alle sind gleich wichtig. Das haben wir schon jahrelang gehört. Jetzt gilt’s.

Wer noch Beispiele von Organisationen braucht, wo’s funktioniert:
http://www.spinnraum.at/das-ende-der-hierarchie-in-der-arbeitswelt/