Die Geschichte von meiner S45-Lernkurve.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Vor einigen Jahren bin ich mit meinem Firmenstandort nach Heiligenstadt übersiedelt. Alles war neu, ungewohnt, spannend. Eine herrliche Gelegenheit, ein Gehirn zu trainieren! An einer Episode möchte ich Sie teilhaben lassen.

Um von Heiligenstadt zur Südbahn zu gelangen, habe ich die Möglichkeit mit der U4 bis Wien Mitte oder mit der S45 bis zum Handelskai zu fahren. Die erste Version ist um einige Minuten schneller, die zweite in meinem persönlichen Empfinden ruhiger und schöner. Beim ersten Versuch, die S45 zu bemühen, bin ich in diese ein wenig gestresst eingestiegen, den Blick auf meinem Smartphone verhaftet und dadurch total abgelenkt.

Ich war ein wenig gestresst und total abgelenkt.

Einige Zeit später fand ich mich irgendwo zwischen Oberdöbling und Ottakring wieder und war darüber vollkommen irritiert. Um dieser Irritation ein jähes Ende zu bereiten, beschloss ich still in mir, dass ich wohl meine Station übersehen hatte und entschied mich, bis Ottakring weiterzufahren, um mich via U3 und U6 nach Meidling durchzuschlagen, wo ich dann endlich einen (späteren) Zug nach Hause nahm.

Am darauffolgenden Tag ging ich mit meinem Kollegen Paul gemeinsam zur S-Bahn. Wir waren im Gespräch vertieft und ich erzählte ihm sogar noch von meiner Odyssee des Vortages und mahnte noch, ja nur eine Station zu fahren! Der Kollege folgte mir in den Wagen der S45 – blind vertrauend (und seine Brille zur Kontrolle nicht nutzend!) – und stieg mit mir eine Station später zielsicher aus. Leider standen wir in Oberdöbling und nicht, wie erwartet, am Handelskai. Ich meinte noch in einer Mischung aus Ärger und Verwunderung: „Genau! Das ist mir gestern auch passiert!“ worauf er mich amüsiert ansah und sagte: „Wir sind in der falschen Richtung unterwegs gewesen!“

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Wie blöd bin ich denn, dass ich –  wie eine Anfängerin – falsch fahre?! Die Spirale der Selbstabwertung drehte sich selbsttätig. Dann lachte ich erlösend auf, denn ich hatte gerade mein Ungeschick für mich mit unserem 4-Stufen-Modell des Lernens übersetzt.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen.

  1. Beim ersten Falschfahren war ich in der Stufe der unbewussten Inkompetenz (ich wusste gar nicht, was ich da falsch gemacht habe). Da kann man nur sagen: “Willkommen im Dunning Kruger-Club!”
  2. Am zweiten Tag stieg ich in die Stufe der bewussten Inkompetenz auf (Dank meines Kollegen Paul, der mir die Augen geöffnet hatte…) Ich möchte nicht ahnen, wie lange ich sonst noch in Richtung Hütteldorf gefahren wäre, in der verzweifelten Hoffnung, dass hier der Handelskai auftaucht – nach dem Motto, “das wäre doch gelacht, das muss doch klappen…” Diesen schmerzhaften Schritt selbst erlebt zu haben, macht mich in der Rolle als Trainerin sensibel für die Gestaltung des Lernprozesses meiner Teilnehmenden.
  3. Die darauffolgenden Tage befand ich mich dann endlich in der Stufe der bewussten Kompetenz (Beachtung der Anzeigetafeln, des Reiseziels und der Abfahrtszeit) und irgendwann, als ich das alles internalisiert hatte, konnte ich trotz eines vertieften Gesprächs oder dem Lesen und Beantworten von Nachrichten am Smartphone automatisch den richtigen Zug nehmen.
  4. Ich befand mich endlich in der Stufe der unbewussten Kompetenz, in der 4. Stufe. Da hatten wir ihn endlich, den vielzitierten Lerntransfer!
Es ist eine der schmerzhaftesten Situationen beim Lernen, der Moment, wenn man sich total überfordert fühlt, bloßgestellt und plötzlich “Räume” betritt, die einem vorher nicht bewusst waren. Wie schön war die Zeit der unbewussten Inkompetenz – vielleicht ein wenig naiv, aber nicht so schmerzhaft. Was ist das Wichtigste? Richtig – weitermachen!

Lachen hilft!

Herrlich! Schon beim Schreiben dieser Zeilen hatte ich befreiende Lachattacken und wünsche ich mir für Sie und mich ähnlich lustige Lernsituationen in Ihrem Alltag, sei es beim Anwenden einer neuen Software, eines neuen Haushaltsgerätes oder bei der Auswahl eines Zuges, um von A nach B zu kommen. Dazu braucht es aber eine Form sozialer Sicherheit, damit wir diese befreiende Form der Ent-Spannung nutzen können. Es ist eine automatische Erstreaktion auf Fehler, wenn das autonome Nervensystem im Spielmodus ist und der Parasympathikus nicht negativ belastet wird. Hier spielen auch die Themen positive Fehlerkultur und Vertrauensbeziehung innerhalb von Teams und Organisationen hinein. Andernfalls kommen ganz andere Reaktionen zum Tragen – zb. rot anlaufende Gesichter, Schamgefühl und der Wunsch, am liebsten gleich an Ort und Stelle im Erdboden zu versinken zu können.

Der Weg der Lernkurve von der unbewussten Inkompetenz zur unbewussten Kompetenz führt durch das Bewusstsein – und durch das Tal der Tränen – aber bitte so kurz wie möglich!

Ps: Und nein, es gibt keine Benchmarks, in welcher Phase man sich wie lange aufhält. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen schon bei verschiedensten Anläufen hängengeblieben sind oder frühzeitig das Handtuch geworfen haben. Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie sich bei unzähligen Themen definitiv laaaaange in Stufe 4 aufhalten!